Transparenz ist keine rein technische Angelegenheit. Das ist hier schon mehrfach angeklungen und wird auch immer wieder Thema sein. Selbst wenn alle Dokumente aus der Kölner Lokalpolitik öffentlich wären, hieße dies noch lange nicht, dass der Normalmensch damit etwas anfangen kann.
Nehmen wir diese beiden Absätze aus einem aktuellen Antrag “Nachtflug abschalten” (Vorlage AN/1607/2012) der SPD und der Grünen:
“Anlässlich der Ablehnung der von der NRW-Landesregierung beantragten Einschränkung der Betriebsgenehmigung am Flughafen Köln/Bonn für ein Passagier-Nachtflugverbot zwischen 0 und 5 Uhr durch Bundesverkehrsminister Raumsauer bekräftigt der Rat der Stadt Köln seinen Beschluss vom 27. März 2012.
Bestandteil dieses Ratsbeschlusses ist auch der Auftrag an die städtischen Vertreter in der Gesellschafterversammlung sowie die vom Rat entsandten Mitglieder des Aufsichtsrates in der Flughafen Köln/Bonn GmbH gegenüber der Geschäftsleitung darauf hinzuwirken, zügig die notwendigen Schritte zu ergreifen, um durch eine veränderte Gestaltung der Lande- und Startentgelte eine deutliche Verminderung der Fluglärmemissionen – insbesondere während der Nachtzeit zwischen 22 und 6 Uhr – zu erreichen.”
Tatsächlich handelt es sich um nur zwei Sätze, die es aber in sich haben. Worum geht es?
Es geht um die Ablehnung. Welche Ablehnung? Die Ablehnung der Einschränkung. Welcher Einschränkung? Die Einschränkung der Betriebsgenehmigung. Die Einschränkung, die von der NRW-Landesregierung beantragt wurde. Welcher Betriebsgenehmigung? Der Betriebsgenehmigung des Flughafens Köln/Bonn für ein Passagier-Nachtflugverbot. Was? Eine Betriebsgenehmigung für ein Nachtflugverbot? Oder wäre die Einschränkung der Betriebsgenehmigung gleichzusetzen mit dem Verbot?
Man kann den Satz immer wieder lesen, aber trotzdem nicht verstehen, wer da was einschränken wollte und wer nun wofür oder wogegen ist.
Klar, der Antrag ist in erster Linie für eine Ratssitzung verfasst worden. Dort ist er vermutlich mündlich besprochen, erläutert und begründet worden. Und hoffentlich auch verstanden.
Aber das ist nicht alles. Dieser Antrag liegt nun da als Dokument und kann kinderleicht von jedem gefunden werden, der sich für die Initiativen der SPD, der Grünen, oder der Initiativen zum Thema Fluglärm interessiert.
Und was passiert wohl mit jemandem, der auf ein solches Dokument stößt? Wird er (oder sie) das Gefühl haben, dass sich die Grünen oder die SPD für seine Belange einsetzen? Schwerlich, denn abgesehen von dem Titel “Nachtflug abschalten” kann man kaum nachvollziehen, was der Antrag eigentlich erreichen will. Wird er dazu einladen, sich weiter zu informieren? Eher nicht, denn wer will sich schon gerne freiwillig mehr von der Sorte antun? Wird er das Gefühl haben, dass Lokalpolitik für jedermann nachvollziehbar ist? Ich befürchte: nein.
Gehen wir mal davon aus, dass Kölner Lokalpolitiker mehrheitlich ein Interesse daran haben, die Bevölkerung über das Kreuzchen auf dem Stimmzettel hinaus in Ihr Wirken mit einzubeziehen. Zumindest deutet der Ratsbeschluss in Sachen Open Government (unter dem Titel “Internetstadt Köln”) darauf hin. Wenn dem so ist, dann kann das ja nicht Sinn der Sache sein, oder?
Liebe Ratsleute, liebe Fraktionsmitarbeiter, bitte seid Euch bewusst: Eure Texte sind nicht (mehr) nur für Euresgleichen. Eure Texte richten sich heute an alle. Und je mehr Eure Texte dem gerecht werden, desto mehr Leute werden sich die Mühe machen und nachvollziehen, was Ihr so fordert, vorschlagt, durchsetzt und verhindert.
Am Beispiel des obigen Textes mache ich hiermit einen Gegenvorschlag (der nicht zwingend inhaltlich korrekt sein muss, weil ich nicht sicher sein kann, das Original richtig verstanden zu haben):
“Bundesverkehrsminister Ramsauer hat den Antrag der NRW-Landesregierung zur Einschränkung der nächtlichen Passagierflüge am Köln/Bonner Flughafen abgelehnt. Aus diesem Anlass bekräftigt der Rat der Stadt Köln noch einmal den Ratsbeschluss vom 27. März 2012.
Sowohl im Aufsichtsrat als auch der Gesellschafterversammlung der Flughafen Köln/Bonn GmbH sitzen Vertreter der Stadt und des Rats. Im besagten Ratsbeschluss beauftragt der Rat diese Vertreter, gegenüber der Flughafenleitung darauf hinzuwirken, dass nächtlicher Fluglärm verringert wird. Als Maßnahme hierzu wurde eine Änderung der Start- und Landegebühren vorgeschlagen.”
Wenn das mal nicht einen erheblichen Unterschied macht. Ein praktischer Tipp: Der Unterschied der beiden Texte in Sachen Verständlichkeit lässt sich sogar automatisch bestimmen. Es gibt ein Werkzeug namens Textinspektor, das Texte automatisch analysiert. Dabei wird nach der sog. “Flesch-Formel” die Länge der Sätze und der Wörter ausgewertet. Das Endergebnis ist eine Punktzahl zwischen 0 und 20, wobei hohe Punktzahlen für hohe Verständlichkeit stehen. Mehr dazu in der Wikipedia.
Der Original-Text der Grünen und der SPD kommt bei Textinspektor auf 4,0 Punkte (Fazit: Schwierig, vergleichbar mit: Fachliteratur). Mein Vorschlag schafft es auf 8,0 Punkte (Fazit: Normal, vergleichbar mit: Roman). In beiden Fällen war für die Analyse Textsorte=Sonstiges, Zielgruppe=Gemischt, Altersgruppe=Gemischt eingestellt.
So lässt sich der Transparenz durch Technik vielleicht immerhin ein bisschen auf die Sprünge helfen. Für den geneigten Entwickler käme mir da übrigens eine Projektidee: alle Texte – oder zumindest eine relevante Stichprobe – auf diese Art auf Verständlichkeit testen und ermitteln, welche Fraktion die verständlichsten Texte und welche die unverständlichsten Texte verfasst. :)

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