Eine Frage, die immer wieder zu Offenes Köln gestellt wird, ist: Müssten die Verwaltungen so etwas nicht selbst anbieten? Meine Antwort ist ganz klar: Ja, im Prinzip schon. Dabei meine ich nicht alle denkbaren Funktionen, die ich mir noch für Offenes Köln vorstellen kann, aber ganz sicher die Basis, die Schnittstelle zu den Daten.
Ein Grund, warum es Offenes Köln trotzdem gibt, ist der, dass ich nicht darauf warten möchte, dass die Stadt Köln ihre ureigene Vorstellung von Open Data in der Lokalpolitik vorstellt. Vielmehr soll Offenes Köln jetzt schon Ideen sichtbar und anfassbar machen, die dann in den Prozess der Ausgestaltung kommunaler Open-Data-Angebote einfließen können, und zwar nicht nur in Köln.
Erfreulicherweise scheint dies tatsächlich zu funktionieren. In dieser Woche hatte ich zwei Termine mit Vertretern von Stadtverwaltungen, nämlich von Köln und Bonn.
Der Termin in Köln am Mittwoch fand auf Einladung von Sabine Möwes, Leiterin der Abteilung “E-Government und Online-Dienste”, statt.
Den aktuelle Stand zu Open Data in Köln sieht etwa so aus: Der Rat hat die Stadtverwaltung kürzlich (bzw. letztes Jahr) damit beauftragt, unter dem Titel “Internethauptstadt Köln” ein umfangreiches Konzept vorzulegen, bei dem Open Data und Open Government ein Aspekt sind. Nun wurde zum Thema Open Data eine Vorstudie beauftragt, die unter anderem rechtliche Fragen und die Frage der Prioritäten bei der Datenauswahl klären soll.
Am Mittwoch ging es ganz konkret um die Frage, wie Offenes Köln und Stadt Köln kooperieren könnten, um sich gegenseitig die Arbeit zu erleichtern. Die Stadt Köln, die ihr Ratsinformationssystem (RIS) von der Firma Somacos eingekauft hat, ist grundsätzlich daran interessiert, den Funktionsumfang des RIS in richtung Offene Schnittstellen erweitern zu lassen. Offensichtlich gibt es auch Signale von Somacos, dass dies durchaus im Sinne der Firma wäre. Vermutlich ist die Stadt Köln nicht die einzige Kommune unter den zahlreichen Somacos-Kunden, die Handlungsbedarf in Richtung Transparenz und Open Data sieht.
Unter dem Stichwort “Nähkästchen” kann ich kolportieren, dass Offenes Köln bei der Online-Redaktion der Stadt Köln unter anderem deswegen auf Interesse stößt, weil es der Stadt selbst aufgrund der fehlenden Schnittstelle leider nicht gelingt, die Dokumente des Somacos-RIS mit der Suchmaschine von stadt-koeln.de zu indizieren. Meine Antwort dazu lautet natürlich: Verwenden Sie einfach die offene API von offeneskoeln.de :)
Nebenbei habe ich erfahren, dass auch die aktuell beauftragte Vorstudie zu Open Data an bestimmten Punkten die Einbeziehung der Community vorsieht, beispielsweise bei der Frage, wie groß die Nachfrage an bestimmten Daten ist. Ich freue mich schon auf den Prozess!
Gestern Abend dann war ich Zeuge eines ersten Zusammentreffens zwischen Bonner Stadtverwaltung und Open Data Community. Zu dem Termin hatten Jan Erhardt und Fukami, zwei Entwickler und Grüne aus Bonn, eingeladen. Thema sollte ursprünglich sein: Sowas wie Offenes Köln auch für Bonn machen. Nachdem der Termin auch über die eine oder andere Mailingliste und über die Open-Data-Gruppe auf Facebook gestreut wurde, hatte sich auch Sven Hense, Leiter der Abteilung eGovernment der Stadt Bonn, als Teilnehmer angekündigt. Bonn hat, anders als Köln und viele andere Kommunen, ein vollständig in Eigenarbeit entwickeltes Ratsinformationssystem, und den Hauptverantwortlichen dafür hatte Herr Hense auch direkt mitgebracht. Dazu gesellten sich verschiedene Interessierte von Piraten, DIE LINKE, aus den Medien und der Öffentlichkeit. Das Ergebnis war eine Runde, die gespannt darauf lauschte, welche Pläne Herr Hense in Richtung Open Data verfolgt. Da im Bonner Stadtrat sämtliche Fraktionen einen Beschluss zu Open Data auf den Weg gebracht haben, wartet man dort nun nur noch auf eine Entscheidung des Hauptausschusses, um mit der konkreten Umsetzung zu beginnen. Herr Hense konnte berichten, dass die Stadt offene Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themenschwerpunkten (z.B. Geodaten, Haushalt, …) bilden möchte. So kam das gestrige Treffen im richtigen Moment, um interessierte Teilnehmer für diese Gruppen zu gewinnen und Wünsche und Erwartungen aus der Community zu äußern.
Ein konkretes Ergebnis des Bonner Treffens: Stadtverwaltung und Community (Jan Erhardt und andere) werden sich unabhängig von den Arbeitsgruppen auf dem kurzen Dienstweg verständigen, um kurzfristig umsetzbare Verbesserungen am Bonner Ratsinformationssystem zu realisieren.
Beide Termine haben mir interessante Einblicke in die Denkstrukturen öffentlicher Verwaltungen ermöglicht. Es lässt sich verallgemeinern: Bei den E-Government-Ansprechpartnern gibt es dankenswerterweise eine große Aufgeschlossenheit für Open Data. Gleichzeitig ist aber auch sichtbar, wie sehr das “Denken in Restriktionen” bei Verwaltungsangestellten verankert ist.
Beim Kölner Termin, mehr aber noch beim Bonner Termin habe ich Wünsche geäußert, welche Daten ich zur Veröffentlichung vorschlage. Gestern in Bonn habe ich umfangreich aus einer kommunalen Open Data Wunschliste vorgelesen, die ich mir gerade zusammenstelle. Als Antwort auf solche Wünsche höre ich oft “Ja, die Daten sind zwar irgendwie da, aber …” – und dann einen oder mehrere der folgenden Gründe, warum es wahrscheinlich sehr schwierig sein könnte, diese Daten zu veröffentlichen:
- … da muss man erst mal rechtlich prüfen, ob diese Daten veröffentlicht werden können. (Als Sub-Argument hierzu wird am häufigsten das Urheberrecht oder der Datenschutz genannt, aber auch die Tatsache, dass die Daten zweckgebunden erhoben werden und dann nicht ohne weiteres zweckfrei veröffentlicht werden können.)
- … die gehören dem Tochterunternehmen (z.B. Wasserwerke, Wohnungsbaugesellschaft, Stadtwerke, …)
- … da arbeitet die Verwaltung selbst nur mit Excel-Tabellen
- … da hat sich über die Jahre die Erhebungsgrundlage verändert und die Daten sind nicht mehr vergleichbar
- … da haben wir keine vollständigen Daten zu
- … die Daten sind so kompliziert, dass da keiner durchblickt.
Ich will gar nicht in Frage stellen, dass insbesondere rechtliche Aspekte ernst zu nehmen sind. Im Einzelfall muss man sich vor der Veröffentlichung jedes einzelnen Angebots damit auseinandersetzen. Andere Punkte sind jedoch bestenfalls Herausforderungen. Und wieder andere sind schlichtweg kein Problem.
- Wenn Daten, z.B. über die Kindergärten, Kindergartenplätze und Anzahl der Kiga-MitarbeiterInnen in einer Stadt bei der Stadtverwaltung nicht vollständig vorliegen, weil es z.B. auch kirchliche Träger gibt, dann ist das eben so. Aber lieber bekomme ich die unvollständigen Daten der Stadt als gar keine. Bestenfalls werden die Kirchen durch die Veröffentlichung der Stadt selbst motiviert, ihre Daten offen zu legen.
- Tochterunternehmen der Städte/Gemeinden/Kommunen sind selbstverständlich in den Open-Data-Prozess mit einzubeziehen. Die Kommunalpolitik muss darauf hinwirken, dass diese Unternehmen vertraglich zur Freigabe bestimmter Daten verpflichtet wird. Wenn die Stadtwerke, die für die Trinkwasserqualität verantwortlich sind, ein Privatunternehmen geworden sind, darf dies nicht als Grund dafür herhalten, dass man die Messdaten zum Trinkwasser nicht veröffentlicht.
- Wenn in der Verwaltung selbst nur Excel-Tabellen vorliegen, ist das auch kein Beinbruch. Denn Excel-Tabellen und CSV-Exporte daraus zu veröffentlichen ist besser, als keine Daten zu veröffentlichen. Und prinzipiell weit besser, als z.B. PDF-Dokumente.
- Hat sich eine Datengrundlage über die Zeit verändert, zum Beispiel bei Kommunalwahlen aufgrund der immer wieder neuen Festlegung der Wahlbezirke, ist das ganz und gar kein Grund, die Daten nicht zu veröffentlichen. Ebensowenig die gefühlte Komplexität, beispielsweise beim Thema Haushalt. Die Interpretation der Daten obliegt den Nutzerinnen und Nutzern. Man kann diesen durch ausführliche Dokumentation dabei behilflich sein, diese Daten zu verstehen. Sie ihnen vorzuenthalten, weil damit Schwierigkeiten auf Seiten der Nutzer verbunden sein könnten, ist jedoch keine Lösung.
Machen wir uns nichts vor, für die kommunale Verwaltung ist ein Bekenntnis zu Open Data ein gewaltiger Paradigmenwechsel. Umso erfreulicher ist es für mich, dass die Bereitschaft dazu hier bei mir vor der Haustür deutlich erkennbar ist und dass ich den Wechsel miterleben und -gestalten kann.